Hintergrund

Ich habe im September 2015 begonnen regelmäßig in einer Flüchtlingsunterkunft in Nordrhein-Westfalen Zeit zu verbringen. Ich begann mit der Motivation zu helfen, zu organisieren, die Prozesse voranzutreiben – zu arbeiten. Zu Beginn gab ich Deutschunterricht, machte Organisationsfahrten von Möbeln, Kleidung etc. und war Begleitung zum Sozialamt, zum Arbeitsamt, zur Krankenkasse und zum Arzt.

Während des Deutschunterrichts wurde jede Pause genutzt, um mir Unterlagen und Papiere zu zeigen. „Was ist das? Was kann ich damit? Kann ich bleiben? Brauche ich einen Anwalt? Wohin muss ich? Wer kann mir helfen?“. Nachdem ich mir einige der Unterlagen mit nach Hause nehmen durfte, schien mir während des Lesens der Kontrast zwischen dem bürokratischen Rahmen (dem Formular in Computerschrift) und dem emotionalen Inhalt schier unglaublich. Ich lese den Bericht einer Anhörung für einen Asylantrag. Ein Übersetzer ist dort, die Fragen scheinen simpel und greifen doch so tief. Hier wird versucht faktisch zu verhandeln, welche Gründe und Rechte der Mensch hat, sein Leben hier neu zu beginnen.

Während der ganzen Zeit wurde es immer in den Situationen schwierig, in denen ich merkte, dass es vorerst nicht weiter geht. Das, was auf der Todo-Liste nun ganz oben stand, war „Warten“.

Wir spielten Fußball, machten Fahrradtouren oder eine Fackelwanderung. Wir hatten viel Spaß, kommunizierten mit unterschiedlichen Sprachen und konnten uns doch so viel sagen. Was andere hingegen dazu sagten, konnten wir nicht verstehen. Ein Moment der Ernüchterung. Bei all der Dynamik, der Offenheit, dem Spaß und dem Erfolg, den wir gemeinsam erlebt haben, merkte ich einen starken Unmut der Einheimischen um mich herum. Die Bewohner des Dorfes sahen die Flüchtlinge, sahen Menschen, von denen sie ganz feste Vorstellungen hatten. Selbstprophezeiend sprachen sie von unmöglicher Integration, von schlechten Sitten, von Kriminalität, von dem „Anderssein“ und empörten sich. Es ergaben sich Situationen im Supermarkt, auf der Straße, auf dem Bolzplatz, die so absurd, traurig, schockierend und ironisch waren, das über sie gesprochen werden muss.

Alte Denkstrukturen, ein ganz starkes Bild von „Anstand“ und gutem Benehmen, ein veraltetes Konzept von der Stellung von Mann und Frau und eine riesige Barriere zwischen dem Fremden und dem Eigenen war das, was den Menschen in Anblick meines Handelns als Helfer, als Freund der Flüchtlinge aufstieß. Das Helferkonzept hingegen engagierter Mitbürger war so verkopft, dass diejenigen, die darunter litten, diejenigen waren, die am meisten Hilfe gebraucht hätten.

All die positiven Ereignisse und die Erfolge bleiben, nur wurden sie durch die tägliche Konfrontation mit den Dorfbewohnern häufig in ein schlechtes Licht gerückt. Dabei ging es nicht um Boshaftigkeit, sondern schlichtweg um Angst, Missmut und Überforderung, die sich in Distanzierung und Abneigung äußerte.

Vorurteile gegenüber anderen Menschen sind nichts Anderes als eine Idee, eine Vorstellung, die durch Erziehung, Erfahrung und Erwartung aufgebaut wurde. Die Erziehung, in der Grundwerte vermittelt werden, Erfahrung, die sich schnell verallgemeinert und die Erwartung, die sich häufig nicht erfüllen muss, um für diese Person „wahr“ zu sein, bilden eine große Barriere zwischen den Menschen, die sich dann im Supermarkt spontan gegenüber stehen.
Der Mensch macht es sich häufig sehr einfach, in dem er Regeln sucht und Schemen anwendet: Er gleicht seine Erfahrungen mit der aktuellen Situation ab, entdeckt Gemeinsamkeiten und entscheidet dann sehr schnell, in welche Denkrichtung es geht. Ohne diese Art der Selektion, wäre der Mensch nicht fähig schnell und impulsiv zu reagieren. Um das Vorhandene einzuschätzen, wird der nächst ähnliche gemeinsame Nenner gesucht.Das Problem, das sich hieraus ergibt ist, dass diese Vorstellungen entstehen ohne dass sich die Menschen bewusst sind, dass es ein Raster ist, was die Situation „scannt“ und als Info weiterleitet. Es ist somit kein bewusster Entschluss, der gefasst wird. Das bedeutet, dass der Mensch sehr schnell eine Schlussfolgerung zieht, obwohl er nur einen Bruchteil der Geschichte kennt.

Genau an dieser Stelle möchte ich nun weiterarbeiten. Das, was zu tun ist, ist nicht nur Behördengänge zu machen, Kleiderspenden einzusammeln und Formulare auszufüllen, sondern die Menschen hier – die Einheimischen – damit zu konfrontieren, dass sie sich selbst dabei im Weg stehen eine gute Integration zu ermöglichen. Vorurteile und Missverständnisse vergiften dabei die Echtheit der Menschen.

 

Integration müssen alle leisten –

diejenigen, die ankommen und diejenigen, die bereits da sind.

 

Das Anliegen in der Arbeit besteht darin, Menschen zu sensibilisieren um nicht nach der ersten vorschnell entstandenen Idee einer Situation Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich möchte aufmerksam machen auf die Kleinigkeiten, die tagtäglich das Stimmungsbild beeinflussen und durch einen Denkanstoß Veränderungen darin bewirken.

Es geht um die Gestaltung des gemeinsamen, gleichgestellten Miteinanders.

 

 

 

 

 

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Das Projekt Fluchtpunkt-Perspektive wird im Rahmen des Förderprogramms IQ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert.

Das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ zielt auf die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsmarktintegration von Erwachsenen mit Migrationshintergrund ab. Das Programm wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert. Partner in der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Bundesagentur für Arbeit (BA).